Demographischer Wandel


Goslarer Erklärung zum demographischen Wandel

Im Jahr 2050 wird es in Niedersachsen 1,4 Millionen Einwohner weniger geben. Eine gewaltige Dimension - es entspricht der Einwohnerzahl der Städte Hannover, Braunschweig, Osnabrück, Oldenburg, Wolfsburg, Göttingen und Lüneburg. Für das Flächenland Niedersachsen eine große gesellschaftspolitische Herausforderung.

Schon im Jahr 2015 werden in Niedersachsen bereits über 100.000 Kinder und Jugendliche weniger zurSchule gehen. Insbesondere die Anzahl der Bürger im erwerbstätigen Alter wird bis 2050 um etwa 30 Prozent zurückgehen. Demgegenüber wird der Anteil Älterer an der Bevölkerung steigen.

Der Prozess birgt allerdings nicht nur Probleme und Risiken. Wir sind überzeugt: Wenn Politik frühzeitiggestaltend tätig wird, bietet er sogar neue Chancen und Gestaltungsmöglichkeiten. Die FDP-Fraktion im Niedersächsischen Landtag will den Wandel konstruktiv begleiten und die Zukunft unseres Landes aktiv gestalten. Aus dem demographischen Wandel ergeben sich vier zentrale Herausforderungen und Handlungsfelder für unser Land und die Kommunen.

Zentrale Herausforderungen

1. Vereinbarkeit von Familie und Beruf

Das veränderte Familienbild in der Gesellschaft und die Anforderungen der modernen Arbeitswelt machen ein breiteres Angebot an Betreuungsmöglichkeiten für Kinder im Alter von 1 bis 10 Jahren notwendig. Für Kommunen, die langfristig für junge Familien attraktiv bleiben wollen, ist das Betreuungsangebot für Kinder ein Schlüsselfaktor.

Beim dringend nötigen Ausbau der Kinderbetreuung geht es um mehr Flexibilität und mehr Engagement auch durch nicht-staatliche Träger. Dabei müssen sich auch Unternehmen stärker der Verantwortung stellen und im eigenen Interesse ein attraktives Umfeld für junge Familien leisten. Dabei ist frühkindliche Bildung ein elementarer Bestandteil. Sie wird sich als entscheidender Faktor im Kampf gegen den Fachkräftemangel herausstellen.

2. Vereinbarkeit von Pflege und Beruf

Durch die steigende Lebenserwartung wächst auch die Zahl der Pflegebedürftigen. Dabei werden vor allem auch Demenzerkrankungen zunehmen. Die Entwicklung erfordert eine größere geriatrische Kompetenz. Neben der Sicherstellung von Kinderbetreuung ist die Vereinbarkeit der Pflege von Angehörigen mit dem Berufsleben eine wichtige Herausforderung. Pflegende Angehörige benötigen die gesellschaftliche Anerkennung und Unterstützung, die ihrer aufopferungsvollen Tätigkeit gebührt. Aber auch die Pflege durch professionelle Kräfte muss hohes Betreuungsniveau und Bezahlbarkeit vereinen - gerade damit ein Erwerbsleben weiterhin möglich ist. Wir treten grundsätzlich für vielfältige, flexible und individuelle Organisationsformen der Pflege ein.

3. Beruf und Ruhestand - Lebensarbeitszeit und Lebensqualität

Das heutige reale Renteneintrittsalter kann angesichts des steilen Anstiegs der Lebenserwartung sowie der tiefgreifenden Veränderungen in der modernen Arbeitswelt nicht aufrechterhalten werden. Die Teilnahme am Erwerbsleben ist mehr als lediglich Broterwerb. Sie ist ein wichtiger Anker sozialer Interaktion und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Der Wunsch nach Erwerbsarbeit hat daher auch jenseits des Renteneintrittsalters für viele Ältere eine neue Bedeutung erlangt. Es ist daher wichtig, dass sie die Möglichkeit haben, flexibel und den individuellen Möglichkeiten entsprechend, Erwerbsarbeit ausüben zu können - ohne finanzielle Nachteile. Parallel dazu wird das Ehrenamt in den Kommunen eine immer größere Bedeutung erlangen. Die Erfahrungen Älterer sind für die Gesellschaft und gerade die Jüngeren unverzichtbar. Jede Generation wird gebraucht und kann einen wichtigen gesellschaftlichen Beitrag leisten.

4. Querschnittsaufgabe Integration

Der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund in unserer Gesellschaft wird steigen. Die Integration aller Generationen ist deshalb eine zentrale Querschnittsaufgabe. Es gilt, den Kindern ausländischer Eltern Bildungschancen zu eröffnen und dadurch die gesellschaftliche Partizipation zu erhöhen. Durch die Integration ausländischer Erwerbstätiger besteht die Chance, den Fachkräftemangel als Folge des demographischen Wandels erfolgreich zu überwinden. Die Gesellschaft muss auch auf die zunehmende Zahl älterer Menschen mit Migrationshintergrund reagieren und zum Beispiel Angebote der kultursensiblen Pflege ausbauen. Für eine offene Gesellschaft ist Vielfalt immer eine Stärke und Bereicherung. Gerade auf kommunaler Ebene bietet sich die Möglichkeit durch mehr politische Partizipation von Migranten dieses Potenzial zu erschließen. Gelungene Integration ist ein Standortfaktor für die Kommunen.


Die FDP-Fraktion im Niedersächsischen Landtag erkennt den Anpassungsdruck der Kommunen hinsichtlich der Infrastruktur der Grundversorgung und der öffentlichen Daseinsvorsorge vor allem im ländlichen Raum. Dabei ist die Infrastruktur zentrales Element der Attraktivität gerade kleinerer Kommunen im ländlichen Raum.


Zentrale Handlungsfelder


1. Neue Kooperation

Die Entwicklungen des demographischen Wandels sind frühzeitig planerisch zu berücksichtigen. Es wird nicht immer möglich sein, stärker konzentrierte Strukturen zu vermeiden. Großes Potenzial sehen wir durch interkommunale Kooperation oder durch neue Allianzen öffentlicher und privater Leistungserbringer (zum Beispiel durch Praxis-Sharing-Modelle für Ärzte). Der demographische Wandel wird sich grundsätzlich auf alle staatlichen und privaten Dienstleistungen auswirken, wodurch teilweise neue Strukturen entstehen werden.

2. Neuer Gemeinsinn

Offene und ehrliche Kommunikation in der Kommune ist eine wichtige Voraussetzung für die erfolgreiche Begleitung des demographischen Wandels. Rückläufige Einwohnerzahlen traten auch früher schon auf und sind nicht per se negativ. Im Gegenteil: Sie können positiv in ein angepasstes kommunales Leitbild münden und einen neuen Gemeinsinn fördern. Durch frühzeitiges und ehrliches Schärfen des Bewusstseins für die Herausforderungen aber auch die Chancen zukünftiger Entwicklungen der Bevölkerung, der Infrastruktur und der Dienstleistungen können die Chancen der neuen Entwicklung genutzt werden. Es gilt, sich den Veränderungen zu stellen.

3. Neue Flexibilität

Die Kommunen benötigen für die anspruchsvollen Anpassungsprozesse flexiblere Regelungen, als dies teilweise bisher der Fall ist. Bürgerschaftliches Engagement zur Unterstützung der Leistungserbringung kann eine große Rolle spielen. Diesem Engagement sollte Kommunalpolitik die nötigen Freiheiten einräumen und mit professioneller Unterstützung zur Seite stehen.

 

4. Neue Belebung

Staatliche Förderung und Besteuerung muss sich am Erhalt bestehender Infrastruktur und Bausubstanz orientieren statt immer nur auf Expansion zu setzen. Der demographische Wandel bietet auch die Chance zur Wiederbelebung historischer Stadt- und Ortskerne und einer gleichzeitigen Abkehr der oftmals kritisierten Zersiedlung und der Expansion auf die „grüne Wiese." Ältere Menschen zieht es zunehmend in die Innenstädte. Daher muss ihr Lebensumfeld auch baulich darauf abgestimmt werden.

 



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