Pakt für frühkindliche Bildung

Kita

Ein System schlägt Alarm.

Eltern, das Personal der Kindertagesstätten, die kommunalen und freien Träger und die Verbände schlagen Alarm. Die frühkindliche Bildung in Niedersachsen ist über der Belastungsgrenze. Fehlende Fachkräfte, über zwei Jahre arbeiten unter Pandemiebedingungen und die Aufnahme von Geflüchteten haben dazu geführt, dass die Bildungsarbeit in den Kindertageseinrichtungen kaum noch möglich ist und, dass die Fachkräfte auf dem Zahnfleisch gehen. Hinzu kommen die Enttäuschungen nach der missglückten Novellierung des Niedersächsischen Kindertagesstättengesetzes.

Aus Sicht der Freien Demokraten im Landtag Niedersachsen muss Politik auf diese Weckrufe reagieren. Wir benötigen einen „Pakt für frühkindliche Bildung“ der sowohl die Bildungsarbeit (Qualität), als auch den Platzbedarf (Quantität) in den Fokus nimmt und einen Plan für die Zukunft entwirft. Diese Zukunft muss fraktionsübergreifend sein und auch Legislaturperioden überdauern. Er muss den Fachkräften in den Kitas, den Eltern und den Trägern eine Perspektive aufzeigen wie frühkindliche Bildung in Niedersachsen wieder möglich sein wird.

 

Wir sehen hierbei folgende Schwerpunkte:

1.Betreuungs- und Bildungsrelation

In einer Gruppe mit 25 Kindern können zwei Fachkräfte nicht ausreichend individuelle Bildungsarbeit mit den Kindern machen um den heutigen Ansprüchen an frühkindlicher Bildung, Entwicklung und Beobachtung gerecht zu werden. Insbesondere vor dem Hintergrund, dass die Pandemie entwicklungsverzögernd auf viele Kinder gewirkt haben und auch immer mehr drei- und vierjährige in den Kindergartengruppen gewickelt werden müssen. Wir wollen daher die dritte Kraft im Kindergarten einführen.

 

a. Der Weg zur dritten Kraft

Ab dem Kindergartenjahr 2022/2023 muss die dritte Kraft im Kindergarten refinanziert werden. Damit schaffen wir zu diesem Zeitpunkt zwar noch keine Pflicht, schaffen aber gegenüber den Trägern die Möglichkeit dritte Kräfte zu suchen, zu finden und zu finanzieren. Für viele in den letzten Jahren ausgeschiedene Fachkräfte ist es nicht attraktiv in das alte System mit zwei Fachkräften auf 25 Kindern zurückzukehren. Dennoch können sich viele eine Rückkehr in den Beruf unter besseren Rahmenbedingungen sehr gut vorstellen. Dieses Potential wollen wir nutzbar machen.

Ab dem Kindergartenjahr 2027/2028 wollen wir dann die dritte Kraft verpflichtend machen.

 

b. Alltagshelfer und -begleiter

Damit die Einrichtungen kurzfristig entlastet werden wollen wir Alltagshelfer und -begleiter flächendeckend fördern. Die Aufgabe dieser Kräfte wird sein den Fachkräften viele alltägliche nicht pädagogische Arbeit abzunehmen, um so den zeitlichen Raum für Bildungsarbeit zu schaffen. Perspektivisch sollte diesen Kräften dann auch ein Angebot zur praxisbegleiteten Qualifikation gemacht werden.

 

c. Mehr Zeit für Kinder

Mehr Ressourcen für Leitungsaufgaben, Fortbildung, Elterngespräche, Praxisanleitung und Qualitätsentwicklung für die Fachkräfte und vor allem Einrichtungsleitungen schaffen mehr Zeit für die Arbeit mit dem Kind. Die massive Doppel- oder gar Dreifachbelastung denen die Fachkräfte zu oft ausgesetzt sind müssen schnellstmöglich beendet werden. 

2. Fachkräftegewinnung

Entscheidend für die Arbeit in den Kindertageseinrichtungen, für die Verbesserung der frühkindlichen Bildung und für den weiteren Platzausbau wird die Fachkräftegewinnung sein. Neben der Attraktivität im Beruf zu bleiben oder zurückzukehren spielt hierbei die Gewinnung junger Menschen für diesen Beruf eine wesentliche Rolle.

 

a. Ausbildungsvergütung

Wir wollen in die Ausbildungsvergütung einsteigen und den Auszubildenden schnellstmöglich eine Ausbildungsvergütung zahlen. Für die Ausbildung zur sozialpädagogischen Assistenz soll es eine monatliche Vergütung von rund 550 Euro gezahlt werden, für die anschließende Ausbildung zur Erzieherin oder zum Erzieher sollen monatlich rund 750 Euro gezahlt werden. Hierbei soll es jedoch auch weiterhin Angebote zur berufsbegleitenden Ausbildung geben.

Mit dem Einstieg in die Vergütung der Ausbildung wird ein großer Wettbewerbsnachteil im Vergleich zu anderen Ausbildungsgängen egalisiert. Hinzu kommt die Wertschätzung gegenüber den jungen Menschen, die diese wichtigen Berufe erlernen und ergreifen wollen. Voraussetzung muss ein Schulplatz und eine feste Partnereinrichtung für die Praktika sein. Eine Anrechnung von Auszubildenden auf die Fachkraftquote sehen wir nach wie vor kritisch. Eine politische Diskussion über eine grundlegende Reform der Ausbildung muss bundesweit geführt werden, darf aber nicht dazu dienen eine flächendeckende Ausbildungsvergütung hinauszuschieben. Die kleine Lösung der GroKo, wonach es nur für einige wenige Auszubildende im Bereich der sozialpädagogischen Assistenz eine Ausbildungsvergütung geben wird lehnen wir ab. Dieses Vorgehen schafft neue Ungleichheiten zwischen den Auszubildenden.

 

b. Ausbildungskapazitäten

Die Ausbildungskapazitäten sind in einigen Regionen in Niedersachsen erschöpft, obwohl noch Bewerberinnen und Bewerber vorhanden wären. Daher müssen die Kapazitäten erweitert werden. Eine Ausweitung scheitert aber oftmals an den fehlenden Lehrkräften im Bereich der Sozialpädagogik. Die Studienkapazitäten in Lüneburg und Osnabrück reichen nicht aus, um den Bedarf an Lehrkräften in den Ausbildungsgängen zu decken. Wir wollen daher in diesem Bereich eine bedarfsgerechte Lehrkräfteausbildung einführen und den Quereinstieg in die Lehrertätigkeit erleichtern.

 

3. Herausforderung geflüchtete Kinder

Es steht zu erwarten, dass die Anzahl der aus der Ukraine geflüchteten Kinder in den Kindertagesstätten mit dem neuen Kita-Jahr deutlich ansteigen wird. Die Eltern, vornehmlich Mütter, sind dann mit ihren Kindern angekommen und spätestens der Versuch in das Erwerbsleben einzusteigen bedarf einer Kinderbetreuung. Aber es wird nach dem Ankommen auch leichter die Kinder in eine Kindertagesstätte zu geben, als noch in den ersten Wochen der direkten Kriegserfahrung und Flucht. Daher müssen die Kindertagesstätten bereit sein zur Aufnahme. Die Pflicht zur Erfüllung des Rechtsanspruchs für alle Kinder darf dem zudem nicht hintenanstehen. Daher bedarf es ausreichender Platzkapazitäten. Eine generelle Aufweichung der Kita-Standards und der Gruppengrößen konterkariert jedoch jegliche Bemühungen um eine verbesserte Qualität in den Einrichtungen und darf auch nicht Lücken schließen, welche möglicherweise aufgrund von Fehlplanungen der Aufgabenträger entstanden sind.

 

a. Kita-Standards

Oberstes Ziel ist die flächendeckende Beibehaltung der Kita-Standards und des Personalschlüssels. Sollte in Einzelfällen nachgewiesen werden, dass die Einrichtungen der Gemeinde voll belegt sind und keine Ausweichmöglichkeit in anderen Gemeinden besteht, soll von den Vorgaben abgewichen werden können. Aber im Einzelfall und nicht flächendeckend für das ganze Land.

 

b. Spielkreise, Raum-Standards und Neubauten

Viele Träger haben bereits mit der Einrichtung von Spielkreisen in und um Unterkünften für geflüchtete Menschen begonnen und nehmen damit Druck von den Einrichtungen. Hierfür muss es eine sichere Förderung des Landes geben, damit diese Einrichtungen sinnvoll und verlässlich arbeiten können.

In Einzelfällen sollen auch Abweichungen von Raum-Standards weiterhin zugelassen werden, um bestehende Liegenschaften nutzen zu können. Für Neubauten sollte das Land Musterkitas mit Typenbaugenehmigungen entwickeln lassen, damit ein Kita-Bau nicht jedes Mal vor Ort neu erfunden werden muss.

 

4. Kita - Platz für jedes Kind und die Familie

Die Kindertagesstätten als Bildungseinrichtung nehmen einen immer größer werdenden Platz im Leben vieler Kinder ein. Allein durch die Ganztagsbetreuung verbringen viele Kinder viele Stunden in der Kita. Aber auch die Arbeit der Einrichtungen in Zusammenhang mit der ganzen Familie des Kindes wird größer. Elterngespräche und Beratungen der Eltern nehmen kontinuierlich zu. Daher ist es notwendig, dass die Kindertagesstätten in Niedersachsen sich weiterentwickeln und für jedes Kind und deren Familien Förderung und Unterstützung bieten.

a. Der Kita von morgen den Weg bereiten

Eine vielfältige Bildungslandschaft garantiert auch in der frühkindlichen Bildung, dass jedes Kind die individuell beste Bildung erhält. Um alle Familienmodelle zu unterstützen wollen wir Modelle wie beispielsweise Waldkitas oder Betriebskitas aber auch Elterninitiativen genauso fördern wie die Einrichtungen öffentlicher Träger und bestehende Schwierigkeiten bei Gründung und Betrieb abbauen.

 

b. Recht auf Inklusion endlich und vollumfänglich umsetzen

Niedersachen braucht den Anspruch auf einen inklusiven Kita-Platz. Bisher werden heilpädagogische Einrichtungen finanziell deutlich besser ausgestattet. Hier muss Gleichheit für eine freie Auswahl geschaffen werden.

 

c. Die Entwicklung von Kitas zu Familienzentren fördern

Bildung als ganzheitlichen Prozess in einer Gesellschaft zu begreifen und zu unterstützen ist das Ziel von Familienzentren. Alle Kitas im Land müssen die Chance bekommen sich zu Familienzentren und ganzheitlichen Bildungsorten weiterentwickeln zu können.

 

5. Tagespflege

Die Tages- und Großtagespflege in Niedersachsen nimmt gerade vielfach den Druck auf die Einrichtungen durch die schnelle und flexible Schaffung von Betreuungsplätzen. Dieser Bereich ist daher eine sehr wichtige Ergänzung im Bereich der frühkindlichen Bildung in Niedersachsen.

 

a. Attraktivität der Tagespflege

Gemeinsam mit den Landkreisen und kreisfreien Städten sollte das Land dafür werben Tagespflegeperson zu werden. Natürlich gehört dazu auch eine entsprechende Ausweitung der Kursangebote, um dem gesteigerten Bedarf Rechnung zu tragen. Hinzu kommt aber auf Ebene der Landkreise und kreisfreien Städte eine bessere Vergütung der Kindertagespflegepersonen. Hier besteht vielerorts Nachholbedarf.

 

b. Gesetzliche Verbesserungen

Wir wollen darüber hinaus auch gesetzliche Verbesserungen in der Kindertagespflege umsetzen. Zwar wurde die Tagespflege in des neue KitaG überführt, aber die Regelungen passen nicht zur Realität in der Tagespflege. So wird die Gruppenreduzierung in den Krippengruppen der Einrichtungen auf die Großtagespflege übertragen, ohne jedoch zu berücksichtigen, dass den Großtagespflegestellen damit 80 Prozent der Einnahmen wegfallen und dieser daher eher überlegen den Betrieb gänzlich einzustellen.

Auch wurde nicht berücksichtigt, dass auch Tagespflege eine Vor- und Nachbereitung sowie Zeit für Elterngespräche benötigt. Daher müssen auch Vorbereitungs- und Verfügungszeiten berücksichtigt werden.