Untätig im Sommer. Hektisch im Herbst. Ein schlecht vorbereitetes Gesundheitswesen

Masken

Die Pandemie beherrscht Niedersachsen seit März. Zeit genug, um sich inzwischen auf die neue Situation eingestellt zu haben. Gerade den recht ruhigen Sommer hätte die Landesregierung gut zur Vorbereitung auf den Herbst und den Winter nutzen können. Denn es ist logisch: Wird es draußen nass und kalt, sind die Menschen mehr in Innenräumen und stecken sich schneller an. Die Vorbereitungen hielten sich trotzdem in Grenzen: 

  • Zu spät. Obwohl auf die Gefahr einer zweiten Welle lange vorher hingewiesen wurde, traf sie den Öffentlichen Gesundheitsdienst völlig unvorbereitet. Lange Zeit gab es zu wenig Personal und auch der Austausch von Daten zwischen den Gesundheitsämtern und dem Land Niedersachsen läuft schleppend. Dabei wurde bereits in einer Vereinbarung der Länder im Sommer 2020 beschlossen, SORMAS einzuführen. SORMAS ist ein digitales System zur Kontaktnachverfolgung und zur Identifikation von Ansteckungsorten. Im Januar 2021 wurde die Einführung des Systems von den Ministerpräsidenten und der Bundeskanzlerin einfach noch einmal beschlossen. Vielleicht hilft's ja diesmal.
  • Zu langsam. Einen wirklichen Überblick über die Zahl der Infizierten vom Wochenende hat man in Niedersachsen erst ab ungefähr Mittwoch. Denn statt auch über die Wochenenden zu testen und die Zahlen zu melden, legt man vielerorts am Freitagnachmittag die Abstrich-Stäbchen aus der Hand und geht nach Hause. Auch in Niedersachsens Impfzentren ruhen am Samstag und Sonntag die Spritzen, wenn der Impfstoff überhaupt bis zum Ende der Woche reicht.   
  • Nicht schnell genug. Schnelltests bringen schnelle Ergebnisse. Pflegeeinrichtungen können zwar inzwischen Schnelltests anschaffen, testen dürfen bislang immer noch nur medizinische Fachkräfte mit mindestens einer zweijährigen Ausbildung. Die haben häufig anderes zu tun. An anderen Stellen werden hingegen inzwischen so viele PCR-Tests genommen, dass die genutzten Labore an ihre Kapazitätsgrenzen kommen. Es gäbe zwar weitere geeignete Labore, auf diese verzichtet die Landesregierung aber lieber.
  • Zu spät aufgewacht. Den Impfstart kurz nach Weihnachten hat die Landesregierung ganz klar verschlafen: Plötzlich waren die Kühlschränke voll mit Impfstoff, aber nur wenige Impfteams startbereit. Inzwischen hapert es eher daran, dass zu wenig Impfstoff bestellt wurde. Und daran, dass niemand in der Bevölkerung weiß, wer, wie, wann und wo geimpft wird. Für ein spätes Infoschreiben nutzte die Landesregierung einen Dienstleister, in dessen Adresskartei zwar nicht alle über 80-Jährigen in Niedersachsen zu finden waren, mit dessen Kartei das Land aber auch bereits Tote anschrieb. 

Jetzt handeln mit Weitblick.

Es ist spät, aber noch nicht zu spät. Wir wollen uns nicht von Lockdown zu Lockdown hangeln. Genauso wenig wollen wir akzeptieren, dass besonders Alte und Bewohner von Pflegeheimen sterben. Wir brauchen Ideen, um uns, unsere Lieben und unser Gesundheitssystem vor Corona zu schützen. Wir müssen endlich wissen, was gegen Ansteckungen hilft und diese Maßnahmen konsequent umsetzen. Und zwar so: 

  • Mehr Tests. Tests sind ein unverzichtbarer Bestandteil der Pandemiebekämpfung. Besucher und Mitarbeiter von Pflegeheimen müssen täglich getestet werden, um die Bewohner zu schützen. Auch andere vulnerable Gruppen und Berufstätige mit viel Kontakt zu anderen Menschen, wie Pflegekräfte in Krankenhäusern und ambulanten Diensten sowie Lehrer, brauchen Schnelltests. Unterstützung soll es durch angelerntes Hilfspersonal für die Tests und durch digitale Tools geben. Schließlich sollen die Kapazitäten von Pflegekräften für andere wichtige Aufgaben frei bleiben. 
  • Mehr Analyse. Wir wollen, dass alle geeigneten Labore Tests auswerten dürfen. Auch automatisierte Geräte zur schnellen Auswertung sollen direkt vor Ort zum Einsatz kommen. Weil sich auch in Niedersachsen die Virus-Mutationen ausbreiten: Denen wollen wir auf die Spur kommen, indem wir die Testkapazitäten für Sequenzierung - also zur Erkennung bestimmter Virusmutanten - zügig ausbauen.  
  • Mehr Wissen. Wir wollen zielgenau handeln und müssen deshalb wissen, wo sich Menschen auf welchen Wegen anstecken. Wir brauchen Forschung, um Schutzkonzepte zu entwickeln, die aufzeigen, wie wir uns im Restaurant, am Arbeitsplatz, aber auch auf Veranstaltungen effektiv schützen können. Dafür müssen auch anonymisierte Daten zur Alterszusammensetzung der Covid-Patienten auf den Intensivstationen und zu den wahrscheinlichen Zeitpunkten ihrer Ansteckung erfasst werden und zur Lagebeurteilung an das Land gehen. 
  • Mehr App. Geht es nach uns, soll die Corona-Warn-App weiterentwickelt werden. Auch in ihrer jetzigen Form einsetzbar kann sie datenschutzkonform zur Aufdeckung von Ansteckungsorten beitragen. Diese Möglichkeiten wollen wir nutzen. Außerdem sollen Testergebnisse in der Regel direkt mit dem Gesundheitsamt ausgetauscht werden können.
  • Mehr Nachverfolgung. Die Gesundheitsämter kommen nicht mehr hinterher. Gleichzeitig warten Mitarbeiter von Bars, Restaurants, Reisebüros usw. in Kurzarbeit auf einen Neustart. Die Landesregierung soll Freiwilligen einen Weg eröffnen, sich für die Nachverfolgung zu melden. 
  • Endlich mehr Impfen. Sobald die Impfstoffknappheit endet, wollen wir impfen, impfen, impfen. Und weil es im Wettlauf mit dem Virus um Geschwindigkeit geht, soll das Gepiekse auch am Wochenende weitergehen.   

 

Stand: 27.01.2021